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#DieDoppeltenZwanziger gibt es übrigens auch als durchgestylte .pdf-Datei für Euren Breitbildschirm!

Und jetzt sogar Band 6 !!

Wer also Lust hat, sich den Speicher damit vollzuhauen, der melde sich doch einfach. Und für die ganz eisernen gerne auch wieder mit Widmung.

Fanservice: Falls jemand auch noch Interesse an den Bänden 1, 2, 3, 4 und 5 hat, ich krame auch gerne noch mal im Papierkorb.

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Über den Autor

Springer

Der 1981 in Berlin geborene und in Quedlinburg/Sachsen-Anhalt lebende, 44jährige Mathias Schück ist Sternzeichen Skorpion, nicht religiös, in keiner Partei, oder durch Stammbäume patriarchisch an sinngenerierende Institutionen gebunden.

Eingeschult in der Ostprovinz, kurz vor den Baseballschlägerjahren der Neunziger, irgendwo zwischen Pionierausweis und Westfernsehen, zwischen Grunge, Techno und den Onkelz, zwischen Skins und Zecken, dürfte er dabei gelernt haben, die populistischen (Anti-)Ismen der Zeit an die Leine zu legen. Streber, Sorgenkind und Aushängeschild zugleich. Mit Hassliebe, Verachtung und Bewunderung, die skeptisch und immun machen gegen das Mitlaufen.

Sein Ton: Ein Ergebnis aus andauernden Fragen und Antworten. Neugier essen Angst auf – eine Strategie die funktioniert, zumindest beim Lesen seiner Texte.

Ein Springer zwischen Pop- und Peer-Welten; denn wer senden will, sollte Mut haben zu empfangen. So ergeben sich thematische Bandbreite und Haltung, Position und Spielraum zur Veränderung. Um von der Gegenwart zu erzählen sicherlich kein Nachteil. Warum die anderen nicht mitspringen können oder wollen, ist seine fortlaufende Grundfrage, die einlädt über sich selbst und die Gegenwart fachzusimpeln. Seine Antworten sind Plädoyers gegen das Festfahren und für den Diskurs. Zeitzeugnisse von der Front, die sich Leben nennt.

Ob er an Sternzeichen glaubt, weiß ich nicht, wohl aber, dass ich ihn fragen werde. Und dass wir bei der Erörterung der Tierkreiszeichen ganz bestimmt auch japanisch/amerikanische Comicsprache, Medium-Form-Diskussionen des Sozialen, als auch Spielergebnisse der NBA und den akuten Kleinstadttratsch erledigen werden. Inklusive der Frage, was das alles mit uns zu tun hat.

Viel Spaß beim Mitspringen

Tobias Peuke, Berlin, 2021.

 

***

 

NachwortWarum ich springe

Als eines der letzten Wendekinder, das sein Abitur dann auch noch exakt im Jahr 2000 abgelegt hat, gehöre ich zudem also auch zu den allerersten Millenials, die sich selbst schon zu viele Stempel aufgedrückt haben, weil ihnen doch immer gesagt worden war, ihnen würden alle, aber wirklich alle Türen offen stehen.

Und, wieder als einer der letzten, folglich auch die des Langzeitstudenten (mit Abschlüssen). Nach acht prägenden Jahren Lehramtsstudium (Germanistik und Philosophie) an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) und diversen Nebenjobs (Pflegeeinrichtungen, Tankstellen, Verwaltungen, Supermärkte), gehe ich seit 2009 an einer Gemeinschaftsschule im Landkreis Harz als Vollblut meinem Beruf nach und wohne downtown Weltkulturerbe.

Bis auf zwei kleine Erzählungen in einer Quedlinburger Erinnerungen-Sammlung („Durch meine Brille“, Letterado Verlag, 2005 und 2007) sind bis heute keine Texte von mir publiziert. Der kurze Fast-Debut-Roman („Fingerübungen“) liegt seit fünfzehn Jahren in der Schublade neben den Gedichten, die ich schreibe, seit ich die „Dead Poets Society“ kenne.

Deswegen habe ich auch sehr bewusst nie die Nähe von Literatenkreisen gesucht, Kurse für kreatives Schreiben belegt, mich für Stipendien oder auf ein Volontariat beworben, noch bin sonderlich davon überzeugt, dass meine Stimme unbedingt gehört werden sollte, oder eine Karriere als Schriftsteller irgendwie erstrebenswert sei. Wenn ich bei Beruf und Hobbys Lesen und Schreiben angebe, dann ist das schließlich doppelt ernst gemeint.

Ob der Literaturkanon also will oder nicht: Ich höre nun mal liebend gerne zu, singe mit und weiß oft nicht, welches davon lieber. In drei Regalen stapeln sich die Vorbilder, welche mir zudem noch so viel Ehrfurcht einjagen, dass sich meine Stimme in meinen eigenen Ohren auch nach gut 30 Jahren noch viel zu dünn anhört, um neben Mark Z. Danielewski, David Mitchell, Margaret Atwood, Markus Zusak, Ben Lerner, Jonathan Safran Foer, Suzanne Collins, Orson Scott Card, Naomi Klein, Dave Eggers und Karl Kraus, Georg Simmel, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, George Orwell, Christa Wolf, Philip Roth, Sibylle Berg, Juli Zeh, oder gar Mircea Cartarescu und Mo Yan irgendwas anderes zu tun als zuzuhören und mich zu fragen, was es denn bitte noch für ein Buch sein söllte, das von mir geschrieben werden wöllte.

Die Antwort darauf kann nur sein: Kein Buch.

Die Antwort darauf kann nur

das hier

sein.

 

#DieDoppeltenZwanziger.

Springer

Springer

Wenn ich bei „Beruf“ UND „Hobbys“ „Lesen“ und „Schreiben“ angebe, dann ist das schließlich doppelt ernst gemeint.

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Neu hier? – Leseguide

Wie? Was? Warum?

Rückblick

Genau vor ungefähr einem Jahr

1. Juni 2025

Control Your Noise

So
schnell
kann die Stimmung umschwingen:
Mitte der Woche
habe ich noch da gesessen,
wo ich jetzt sitze,
und auf der Suche
nach einer Fortsetzung
nur wieder festgestellt:
Alles scheint nur immer noch mehr
ein ewig sich wiederholendes Rauschen,
alles wird zu Lärm,
der sich bis in unsere Knochen frisst.
Die Müdigkeit an uns selbst
überfällt uns spätestens
nach dem Mittag.
Und bis zum Abend
sind wir dann hauptsächlich damit beschäftigt,
uns im Griff zu behalten,
die Stimmen zu sortieren,
und liebend daran zu scheitern,
das Chaos zu kontrollieren,
bis wir wieder in den Schlaf finden,
wenn wir den denn finden.

„Only Noise
can be light
in the darkness.“

(Patrick Ness: Chaos Walking. 2008)

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Genau vor ungefähr einem Jahr

1. Juni 2025

Control Your Noise

So
schnell
kann die Stimmung umschwingen:
Mitte der Woche
habe ich noch da gesessen,
wo ich jetzt sitze,
und auf der Suche
nach einer Fortsetzung
nur wieder festgestellt:
Alles scheint nur immer noch mehr
ein ewig sich wiederholendes Rauschen,
alles wird zu Lärm,
der sich bis in unsere Knochen frisst.
Die Müdigkeit an uns selbst
überfällt uns spätestens
nach dem Mittag.
Und bis zum Abend
sind wir dann hauptsächlich damit beschäftigt,
uns im Griff zu behalten,
die Stimmen zu sortieren,
und liebend daran zu scheitern,
das Chaos zu kontrollieren,
bis wir wieder in den Schlaf finden,
wenn wir den denn finden.

„Only Noise
can be light
in the darkness.“

(Patrick Ness: Chaos Walking. 2008)

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Letzte Episode

The Last Unicorn, Part One

Bild: Say my name.

 

 

„And every book you take
and you dust off from the shelf
has lines
between lines
between lines
that you read about yourself.
But does a light shine on you?

And when your friends are talking
you hardly hear a word.
You were the first person herе.
And the last man
on the Earth.
But does a light shinе on you?“

(Wolf Alice: The Last Man on Earth. 2021)

 

„Dein letzter was?“
„Meiheißan.“
„Kannst du wirklich nicht deutlicher?“
„Doch, das tut dann aber mehr weh.“ Der Brillenträger presste den Kühlakku an seine linke Wange.„Müss’n ja nich ewich telefonier’n.“
Das Almänchen brummte zustimmend: „Klar. Wollt nur noch mal sagen: War echt cool am Samstag. Danke nochmal.“
„Danke für’s Mitspielen. Biste nächstes Mal auch wieder mit dabei?“
„Kannste dich drauf verlassen! Muss doch wissen, wie es weitergeht mit, äh, wie hieß es noch mal? Anthrax?“
„Alter! Du musst echt besser mitschreiben. Beim nächsten Mal lachen die Nerds dich aus für sowas. Unwissenheit wird nur bei Anfängern toleriert. Ab Level Zwei sollte man die meisten Gags schon verstehen, sonst weiß man schnell nicht mehr, wovon die alle reden. – Aua, das waren zu viele Worte hintereinander.“
„Ja, schon verstanden. Ich mache meine Hausaufgaben. Kannst mir ja mal ne Liste schicken, damit ich mich wenigstens nicht bei den Klassikern blamiere.“
„Mach ich gern. Aber zumindest einen Film kannst du ja jetzt schon mal nachholen die Tage. Wetter is ja eh dürftig.“
„Den mit Lady Almathea, ja?“
„Ah, doch aufgepasst! Genau den.“
„Und apropos weitermachen, das wollte ich dich eh schon länger mal fragen, dann hören wir auch auf, damit du deine große Klappe ausruhen kannst. Wie läuft eigentlich dein Internetliteratur-dings? Jagst du noch dem Traum von den Bestsellern der Jahre 2030 bis 2039 nach?“
Der Brillenträger zögerte nicht, auch weil er so schnell wie möglich antworten wollte, das Reden machte sich in seinem Kiefer immer bemerkbarer, die Narkose ließ langsam nach, seine Oberlippe begann bereits zu kribbeln: „Bestseller hast du gesagt. Mir würde immer noch der Ruhm der Nachwelt reichen. Läuft aber gut. Schreibe inzwischen etwas entspannter. Haste mal wieder was gelesen?“
„Sporadisch. Ist immer so dicht. Aber ich bleib dran. Also immer noch keinen Bock auf Rampenlicht?“
„Exakt.“
„Und was is mit KI?“
„Wie meinst du das?“
„Na, du könntest doch ganz einfach … “
„Könnte ich nicht.“
„ … lass mich doch mal ausreden! Du könntest doch schon vorschreiben!“
„Hä?“
„Na einfach prompten, dass die KI sich mal Gedanken machen soll, wie eine Episode im nächsten Jahr um diese Zeit aussehen könnte.“
„Klar, ich könnte sie auch einen Roman darüber schreiben lassen, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn es bald gar keine Bücher mehr gibt, zumindest keine von echten Personen geschriebenen.“
„Das Letzte Buch! … Oder wär das als Titel zu platt?“
„Nö. Wenns stimmt? Ich schick dir mal was, was einen super Rahmen dafür abgeben würde, und dann lege ich auf. Ich glaube ich muss mal schauen, wie viel Schmerzmittel ich noch da habe. Bis bald!“
„Mach das! Und mach’s gut!“

„Schätzungen gehen von bis zu 700.000 betroffenen Titeln in Deutschland aus. Weltweit könnten es mehrere Millionen Bücher sein: Seit einigen Monaten berichten Antiquariate und Buchhändler in Europa von einem neuen Phänomen: Vergriffene Bücher werden in großen Mengen aufgekauft – automatisiert, systematisch und offenbar nach festen Kriterien. Die Bestellungen gehen nachts ein, umfassen teils Hunderte oder Tausende Titel und folgen einem auffälligen Muster. Meist werden ältere Sachbücher, Fachliteratur oder sogenannte Lagerleichen erworben und von jedem Titel nur ein Exemplar. Im Zentrum der Diskussion steht das kanadische Unternehmen Zoom Books. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet sein Vorgehen als reguläres Handels- und Recyclingmodell. Aus Sicht der Antiquare passen die gekauften Mengen, die Auswahl der Titel und die dahinterstehende Logistik nicht zu üblichem Buchhandel. Zudem zeigen Fotos aus Lagerhallen Bücher, die teilweise unsortiert in große Container geworfen werden. Händler gehen daher davon aus, die Bücher könnten digitalisiert und als Trainingsmaterial für KI-Systeme genutzt werden. Als möglicher Hintergrund gilt die zunehmende Knappheit hochwertiger Trainingsdaten. Viele KI-Modelle wurden bereits mit großen Mengen frei verfügbarer Online-Texte trainiert. Gefragt sind daher Inhalte, die online kaum verfügbar sind. Branchenkenner vermuten auch, dass Unternehmen versuchen könnten, ein Schlupfloch im US-Urheberrecht zu nutzen. Die Theorie lautet, dass ein physisch erworbenes Buch eingescannt und anschließend vernichtet wird. Dadurch könnte argumentiert werden, dass keine unrechtmäßige Kopie des Originalwerks mehr existiert und die Nutzung unter das Fair-Use-Prinzip fällt. Kurzfristig profitieren Antiquariate zwar von den zusätzlichen Verkäufen. Langfristig befürchten Händler Auswirkungen auf den Gebrauchtbuchmarkt. Antiquariate sind Teil eines Kreislaufs, in dem Bücher über Jahrzehnte weitergegeben, gesammelt und wiederentdeckt werden. Werden Werke stattdessen digitalisiert und entsorgt, könnten sie aus diesem Kreislauf verschwinden.“

Welches Buch würde in dieser Zukunft wohl das letzte sein, das im Feuer landet? Wer hätte es geschrieben? Wer verlegt? Wer verkauft? Wer eingescannt? Wer verbrannt? Der Brillenträger notierte sich diese Fragen für irgendeine Fortsetzung seiner ersten eigenen D’n’D-Kampagne; warum nur von einem Phänomen das letzte? Warum nicht von allen? Ging die Welt denn etwa doch nicht unter?

Das Almänchen hatte der Brillenträger erst am Freitag vor dem ersten Sommerferiensamstag zur Party eingeladen. Die anderen Gründungsmitglieder*innen hatten sich schon seit Wochen auf den Kampagnenstart gefreut, aber einige hatten erschöpfungsbedingt absagen müssen. Also hatte er dem Almänchen nur einen kurzen Abriss des Spiels gegeben und ansonsten eher Spannungsregenbögen gebaut als wirklich etwas zu verraten oder näher zu erklären. Dabei hätte er am liebsten allen seit Wochen schon erzählt, wer die eigentliche Hauptfigur des Abenteuers werden sollte. Dass es dabei nicht nur um Eskapismus gehen sollte, sondern um idealisierte Realitäten, wo das Gute auch mal gewinnen darf, wo Einhörner immer noch super selten sind, aber wo es wirklich welche gibt, und wo blaue Augen so unheimlich leicht zu lieben sind.
Als das Almänchen ihn an ihren letzten gemeinsamen größeren „Fluchtversuch“ erinnert hatte, hatte der Brillenträger nur schnell eine weitere irrwitzige Geschichte über die „Smithereens aus Quedlinburg“ erfunden (Europa- und anschließende US-Tour, seitdem mit Einreiseverbot in allen Ländern belegt, totale Herrschaft von Facebook bis TikTok, dann der erwartbare Drogenabsturz in Mehrfachdepressionen, Trennung, Wiedervereinigung, Auftritt im Olympiastadion, Karriereende vor 80.000), war dann schnell dazu übergegangen, vom neuen Bandenreffpunkt, einer Wohnung am westlichen Ende der Bockstraße, zu schwärmen (beste Gastgeberin, Spieltisch in Idealgröße, Rauchen am Tisch ebenfalls erlaubt), um dann darüber zu referieren, dass für die anstehende „Wanderung“ kein Tisch groß genug hätte sein können, aber viele viel zu klein. Das Almännchen hatte am Ende nur noch eins sagen können: „Okay, dann lass ich mich mal überraschen.“

Vorgestern dann, am Samstag, waren auch die letzten aufgeheizten Fachwerkhausdachgeschoss-wohnungen wieder auf Normaltemperaturen abgekühlt. Der Sommer hatte dennoch jetzt schon beste Chancen, der heißeste Sommer des gesamten Jahrzehnts (und also des bisherigen Jahrhunderts, und also der bisherigen Zivilisationsgeschichte) zu werden, auch weil nur noch drei Sommer kommen konnten. Seit Mitte Juni gab es jeden Tag 30+°C, meist schon ab dem späten Morgen. Der erste harte Hitzedom des Jahres hatte dann für fünf Tage bis zum Ende des Junis über dem gesamten Land gestanden. Das schwerste aller Unwetter. Gemessen an den Opfern war dagegen jeder Hurrikan harmlos. Es hatte Allzeitrekorde gehagelt, 26. Juni: 41,3°C in Saarbrücken, 27. Juni: 41,5°C in Drewitz, 28. Juni: 41,7°C in Neißemünde; das öffentliche Leben war weitestgehend zum Erliegen gebracht worden. Es war als heißestes deutsches Wochenende überhaupt aber bereits schon wieder Geschichte, und die nächste Hitzewelle war kaum noch eine weitere Woche entfernt. Rekorde aus anderen Teilen der Welt hörten sich gar nicht mehr so weit weg an: Bretagne: 43°C, Nordindien: 45°C, Irak: 51°C, alles gemessen nur zwei Tage nach Sommeranfang. Besonders die Nächte hatten den Menschen zugesetzt, an einem Ort in Sachsen waren die Außentemperaturen bis zu einem frühen Morgen nicht unter 30°C gefallen.
Aber weder die ungezählten Wald- und Feldbrände noch die ungezählten Hitzetoten konnten die Stimmung irgendwie eintrüben: Noch war Deutschland nicht bei der Fußballweltmeisterschaft im Sechszehntelfinale ausgeschieden! Der US-Präsident hatte sich noch nicht zum Vorteil der USA in Schiedsrichterentscheidungen eingemischt. Nein! Hitzefrei an allen Schulen!; Das Klietz, schon kurz davor, das Prinzenbad des Galgenbergkiez’ zu werden, platzte ab dem Mittag aus allen Schweißnähten. Und so hatte auch der Brillenträger leichten Herzens die Fortführung seiner Chronik ein weiteres Mal verschoben, denn auch echte Einhörner lernen das Schwimmen nicht im Winter.
Worüber er sonst auch hätte schreiben müssen, bot ihm erneut genug nur wieder mehr als genug Anlass, alles andere als traurig darüber zu sein: – Im UK schmeißt der nächste Premierminister hin, sein Nachfolger übernimmt direkt dessen Amtsbonus. – Jens Spahn wird als Mitglied der „Dialog Society“ (Peter Thiels geheimster Arschloch Club) enttarnt. – Nach dem schweren ukrainischen Drohnengroßangriff auf Moskau bleiben die Fronten verhärtet wie eh und je. – Trumps Unterschrift unter einem Memorandum zu Friedensverhandlungen in Versailles (in den USA gerne mit dem OG Versailler Vertrag verglichen) ist kaum getrocknet, als es im Iran, im Libanon, im gesamten Nahen Osten einfach weiter knallt. – 25. Juni: Jahrhunderterdbeben in Venezuela (Caracas betroffen, nach 14 Tagen mehr als 4.000 Tote geborgen) – Abends immer Fußi. – 1. Juli: Skywalkers auf dem Empire State Building; Es geht dann leider doch nur um Personen und nicht um die Message („If the power of love beats the love for power the world will know peace.“). – USA250 (4th of July): – „Der Reflecting Pool ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Übergewichtige Nationalgardisten gehen in Gruppen darum herum. Werden sie zu langsam, brüllt ein von einer Künstlichen Dummheit gesteuertes automatisiertes Sicherheitssystem: „Gehen sie weiter! Herumlungern ist illegal!“ Die „Great American State Fair“ ist das perfekte Symbol für den Trumpismus. Wie auch der Reflecting Pool, wurden das Gelände und die „Gebäude“ darauf von der Mafia errichtet. Deswegen ist alles aus billigster Pappe und aus Plastik. Es gibt nichts zu sehen, was man bei jedem besseren amerikanischen Dorffest sonst zu sehen kriegt. Alles wirkt potemkinsch. Der Plastik-Triumphbogen hat Risse und schwitzt Spachtelmasse. MAGA-Wahnsinnige stehen Schlange, um sich vor einem Transparent ablichten zu lassen, das fordert: „Make Trump King!“; Sie tragen MAGA-Hüte und US-Fahnen, hochverräterische Konföderierten-Fahnen und murmeln irgendwas von irgendeiner „Konstituschn“, die sie offensichtlich nie gelesen haben. Große Gruppen maskierter Neonazis treffen gerade in Washington D.C. ein. Ein schwarzer Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsbetriebe muss den weißen Herrenmenschen zeigen, wie man durch ein U-Bahn-Drehkreuz kommt, weil die Landeier noch nie zuvor eines gesehen haben. (Im Anschluss entsteht eines der bekanntesten Memes des Tages: Eine U-Bahn-Waggon voller Neonazis der „Patriot Front“, maskiert mit weißen Sturmhauben. In der Mitte, als einzige sitzend, eine junge schwarze Frau. Rosa Parks zieht im Grab an ihrem verrotteten Haar. Anm. d. A.) Es hat 45 Grad im Schatten und auf dem riesigen Gelände der State Fair sind keine Wasserflaschen erlaubt, ja sogar Sonnenschutz ist verboten. Trump plant, eine stundenlange Rede in der Hitze zu halten.“ (Bernhard Torsch) Dann: Die Parade wird abgesagt! Hurrikanwarnung! „Am Abend gehen in Washington D.C. 850.000 Feuerwerkskörper in die Luft (und das sind „nur“ die, die Regierung zündet). Die Feinstaubbelastung und die Brandgefahr sind riskant hoch.“ Trumps Rede wird verschoben, das Gelände wird vorübergehend evakuiert, er selbst ruft zum Bleiben auf, „Stürme bringen Glück“. „National Guard troops were filmed flipping over picnic tables trying to clear the grounds. Some families gave up and went home furious. Others screamed at Secret Service service and other federal officials.“ Trump würde auch erst nachts um Zwei reden: “If they can storm the beaches on D-Day, I can deliver a speech.” (Except D-Day was delayed a full 24 hours because of bad weather. Eisenhower waited it out.) Trump hat Paradoxien durchgespielt. Die „Patriot Front“ marschiert; Fußvolk bleibt Fußvolk. – Austin Reaves klappt auf dem Golfplatz zusammen, als er erfährt, dass er der höchstbezahlte ungedraftete Spieler der NBA-Geschichte ist; der Captain bleibt in Los Angeles. – Der King geht. – Es kann also doch nur einen geben.

Die Faschoneuigkeiten hatte sich der Brillenträger aber für das Spiel aufgespart, das bereits kurz nach dem Mittag beginnen sollte. Als er vor einigen Wochen die ersten Karten für das heutige Abenteuer gezeichnet hatte, war ihm schnell die Idee gekommen, nach der Eröffnungsszene auf dem Quedlinburger Marktplatz eine Runde „Nazis Boxen“ zu spielen. Und dafür eignete sich dieser Samstag, 4. Juli, ebenfalls hervorragend: In der vergangenen Woche hatte ein weiteres juristisches Gutachten (der Gesellschaft für Freiheitsrechte) sehr eindeutig dargelegt, was alles für ein AfD-Verboooo-ho-ho-hot sprach; Spoiler: Zu viel. Außerdem hatten Siegesschwund und der männliche Bundesparteischef in Berlin zum Auftakt des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt astreine Flügel-Reden auswendig gelernt, und besonders erstgenannter hatte dabei kein Blatt mehr vorm Mund. Der „Sexiest Nazi Alive“ forderte, in eine hell cremefarbene, eng anliegende Hose und einen eng anliegenden zartrosafarbenen Hauch von Pulli gekleidet, die Abschiebung von Millionen. Am nächsten Abend sprach er vor Millionen bei Markus Lanz, übte aber eigentlich nur seine Ausreden (Die da oben in Berlin!). Und als Höhepunkt der Geschichtsträchtigkeit fand an diesem Samstag, 4. Juli, auch noch der AfD-Bundesparteitag statt. Exakt einhundert Jahre nach dem ersten NSDAP-Bundesparteitag (nach der Aufhebung des Verbots) in Weimar, und zwar in Erfurt; die beiden Städte liegen eine halbe Bundestraßenstunde voneinander entfernt. Etwa 40.000 Gegendemonstranten versuchten die umliegenden Zufahrtswege zu blockieren, doch die Thüringer Polizei gab den anreisenden Faschos freies Blaulichtgeleit. Worum es denen wirklich geht, machte dann Björn Höcke gleich zum Auftakt in seiner Eröffnungsrede klar: Heilung. Und zwar vom Antifaschismus.

„Und die dürfen wir jetzt so richtig fertigmachen?“ Das Glänzen in den Augen des Riesen am Tisch erhellte die dunkelbraune Karte vor ihnen. Nach zwei Stunden hochlustigem Roleplay-Trouble auf der ersten Karte des Tages (und einer dort bereits enthaupteten Nazi-Figur) stand die Party vor den Treppen des Quedlinburger Rathauses. Sämtliche umliegenden Gebäude waren seltsamerweise geschlossen, sogar die Marktkirche. Ihnen schallten kratzige Klänge aus einer kleinen Blurtooth-Box entgegen: „Antifa! Ihr könnt mich mal! … Nicht besser als Faschisten!“ – Und damit war der Fight auch schon eröffnet. Ohne großes Federlesen lagen eine gute halbe Stunde später fünf monströse Faschos leblos und entehrt auf dem braunen Tonkarton. Die Party kannte kein Erbarmen. Die dadurch verloren gegangenen Erfahrungspunkte (fragwürdige Brutalität der Helden) verschmerzten sie mit einem Schulterzucken, das war es wert gewesen.
Und als sie danach gemeinsam die nächste Karte betraten, wurde das Versprechen ihrer neuen Begleiterin, einem Tieflingsmädchen mit Wolfsohren, umgehend wahr: Der Ausweg aus der Hölle des Zeitgeistes führte durch einen langen und verwinkelten Gang im Schattensaum: Der erste Crawl der Party dauerte fast drei Stunden. Am Ende standen sie gemeinsam am Eingang zur Feenwildnis, hatten den Kampf mit dem ersten Drachen des Abenteuers erfolgreich vermieden, und neben ihnen stand nun die eigentliche Hauptfigur der Kampagne, welche sie während ihrer Flucht wie nebenbei aufgesammelt hatten; nur ein neuer Name fehlte ihr noch (mit ihrem alten hatte der DM andere Pläne..). Das Raten übernahm die Waldläuferin, der Barde war dafür zu müde, der Riese zu jung. Nur der Zauberer konnte noch helfen; eine Party funktioniert nie allein. „Aber ist Artax nicht ein Männername?“ Die anderen schauten den Zauberer verwundert an. „Sach ma, Schemdrik, müsstest du das nicht selbst am besten wissen?“ Und genau in diesem Moment geschah es: Das Einhorn erwachte wirklich zum Leben: „Hallo? Ich bin eine Fantasiefigur in einem Fantasyspiel! Spiel einfach mit!“
Die letzte Karte des Tages besuchten sie danach nur noch kurz, nach neun Stunden waren ihre Gedanken müde geworden. Der nächste NPC, Snoop Dawg, erklärte dem Adler der Waldläuferin zwar noch schnell, wie er sich einen Überblick über die kommende „Wanderung“ verschaffen konnte, aber auch dessen Auffassungsgabe reichte nur noch für einen kurzen Blick in die Zukunft: ein Fluss, der in den Bergen verschwindet, dichter Wald auf beiden Seiten des Tals, eine weite Lichtung, ein tiefer Sumpf.

„Fortsetzung folgt,“, war der kollektive Gedanke der Party, als sie an diesem Samstag, 4. Juli, ihre Sachen zusammengesucht hatten und um kurz vor Zehn am Abend wieder ihrer Wege gingen. Das Tieflingsmädchen mit den Wolfsohren hatte nicht zu viel versprochen: Der Run Upon the Hill, der sie beim nächsten Treffen erwartete, wenn der Herbst schon wieder so viel näher sein würde, würde, konnte nichts anderes werden als das nächste große Abenteuer. Selbst wenn es auch ihr letzter sein mochte.

Der Brillenträger saß um kurz vor Mitternacht, an diesem 4. Juli, einem Samstag, noch ein letztes Mal am Schreibtisch und träumte, wobei er das Schreiben beendete, von realisierten Idealen, über die mensch nicht schreiben konnte, ohne sie nicht umgehend erneut zu idealisieren; Und das war wirklich das letzte, was der Brillenträger in diesem Augenblick wollte. Denn dass die Realität das eigentliche Phantasien ist, der einzige Ort an dem Träume wirklich Wirklichkeit werden, die idealste aller Welten, das hatte er bereits gestern erlebt: Einhörner gibt es wirklich. Sogar mehr als ein letztes. Sie haben große, strahlende Augen. Sie sind scheu, aber mutig. Sie sind neugierig, aber vorsichtig. Sie sind mitfühlend. Sie fühlen alles. Sie sind gutmütig. Sie sind klug, sie lernen. Und sie lieben, wenn sie einmal lieben, ganz. Mitunter sitzen Einhörner aber auch einfach zusammen an einem großen Tisch, an einem Freitag Abend im Juli, und spielen gemeinsam ein Spiel, das sie noch nicht kennen. Zukunft wird aus Mut gemacht.

Als die Glocken der Marktkirche den neuen Tag, Samstag, 4. Juli, eingeläutet hatten, beendete der Brillenträger seinen Szenenentwurf für eine Serienepisode, die niemals gedreht werden würde, die nur in seinem Kopf existierte und dort ihre ganz eigene Wirklichkeit fand:
Holly und Mrs. Wheeler sitzen gemeinsam an dem großen Tisch in dem Keller, in dem sonst Mike und die Party ihre Abenteuer bestritten hatten. Auf einem aufgeklappten Notebook läuft leise ein Video vom gestrigen Konzert im Finsbury Park in London (Vecna-Darsteller Jamie Campbell Bower singt mit Biffy Clyro „Machines“). Sie sind vertieft in eines dieser innigen Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Über das Abenteuer, das Holly gerade für ihre eigene Party plant. Über die anderen Wheelers und wie es denen gerade geht. Über ihre Pläne für die Sommerferien. Über das Buch, das sie jetzt abends immer lesen. Das mit den langen Sätzen und den vielen neuen Wörtern. Das mit dem Zauberer, mit der Hexe, dem König, dem Prinzen. Das mit dem brennenden Stier; und wie man den besiegt. Immer und immer wieder: Zusammen.

 

„Turn around!
Look at what you see!
In her face
the mirror of your dreams.
Make believe I’m everywhere,
given in the light,
written on the pages
is the answer
to a neverending story.“

(Limahl. 1984)

Chronicle (letztes Kapitel)

Innere Sicherheit (Chronicle 24)

Bild: Latschenkiefer.

 

„Ach, du glaubst gar nicht, wie schön es dann doch war.“
„Wirklich? Ne Konfifeier? Schön?“
„Na was denn sonst? Warst du schon mal auf einer?“
Der Brillenträger senkte kurz den Blick. „Nein. Stimmt. Aber … „
„Nichts aber! Ich fasse kurz für dich zusammen, dann darfst du noch mal urteilen, vielleicht ein bisschen weniger von Außen Vor dann, ja?“ Der Buchträger rückte auf seinem Stuhl nach vorne und begann im Takt der Songs leicht mitzuwippen: „Bevor die Sause richtig losging, gab’s erstmal Überraschungslivemusik von der Patentante: Komm auf die Beine, komm her zu mir, es wird bald hell und wir ham nich ewig Zeit. Und dann einmal quer durch vier Jahrzehnte. Zu Mitternacht herzliches Gejohle bei In-ter-ga-lac-tic! Inter-ga-lac-tic! In-ter-galatic! Inter-ga-lac-tic.“
„Ich darf den letzten Song erraten?“
„Nicht schwer, oder?“

 

„One love!
One blood!
One life,
you got to do
what you should.
One life,
with each other,
sisters, brothers.

One life
but we’re not the same.
We get to carry each other,
carry each other.
One.
One.“

(U2: 1991)

 

Am ersten Sonntag der letzten Fußball-Weltmeisterschaft des Jahrzehnts saßen die beiden Freunde kurz nach dem Mittag zu einem späten Frühstück auf dem Markt, der Wind war kalt genug, um einen Pulli zu rechtfertigen und auch die Sonne spielte noch Haschen mit den Regenschauern des Hochjunis. Vor ihnen lagen halbangebissene belegte Brötchen, die Kaffeetassen wollten bereits nachgefüllt werden, der Aschenbecher war noch leer.
„Was is mit Public Viewing? Kommt die fette Leinwand noch?“
„Glaub ich nich. Gucken eh alle zu Hause. Couch is viel gemütlicher. Außerdem: Leutegucken beim Fußballgucken. Merkste selber, ne?“
„Na hör mal, mit der Haltung wird das aber nix mit Olympia 2036!“
„36?!“
„Na und?“
„Während der zweiten Amtszeit von Höcke?“
„Du meinst, immer noch die erste?“
„Okay. Reicht. Keine Böcke auf Zynismus heute.“ Der Buchträger machte sich die erste Zigarette an, das Renterpaar am Nebentisch rückte auffällig einige Zentimeter weiter weg.
„Vielleicht ja auch nur Kanzler von Ostdeutschland? Wie lange dauert so eine Sezession eigentlich?“
„Ich habe gesagt, es reicht.“
„Nein“, der Brillenträger nahm ihm das Feuerzeug aus der Hand, „es reicht eben nicht. Kann doch alles nicht sein, ey! ,Echte Deutsche gibt es nur im Osten?‘, wieviel Lack verträgt so ein Fascho eigentlich?“ Das Rentnerpaar am Nebentisch war plötzlich ganz Ohr. „Hab ich schon erzählt, was bei Till und seinen Buddies los war, nachdem der Harzkreis-Rundumschlag abgeschlossen war?“
„War denn nach Thale und Wernigerode noch irgendwo was los?“
„Sicher doch! In Halberstadt saß sogar der Heuer feixend neben dem neuen Landesdaddy.“
„Ist der nicht sogar Fraktionschef der CDU in Machdeburch?“
„Eben.“
„Na Scheiße. Und jetzt och noch WM.“
„Korrekt.“

Karoline und Marie lagen zum gleichen Zeitpunkt gemeinsam auf der großen Couch in Thale und hörten mit den Mädchen den Traumzauberbaum. Zum dritten Mal. Rosa und Violetta hatten bereits begonnen, bei einigen der Geschichtenlieder mitzusummen. Eine kleine Stadt geht müde schlafen, macht die vielen Fensteraugen zu, Legt sich lang, besinnt, was so gewesen, in den Straßen wird es langsam Ruh. Kurz bevor die Nadel ganz zur Mitte des Tellers rutschte, waren die Mädchen tief und fest eingeschlafen. „Mittagsschlaf? Das hatten wir ja schon eine ganze Weile nicht mehr“, flüsterte Marie und strich beiden die Haare aus den Gesichtern. Karoline sah ihr liebevoll auf ihren Bauch: „Gewöhn dich noch nicht wieder dran.“
„Ich weiß“, antwortete Marie und strich ihr Umstandskleid glatt, „es ist noch etwas zu groß, aber wir freuen uns so dermaßen. … Aber jetzt erzähl doch endlich mal! Seit Wochen machst du ein riesen Geheimnis draus, obwohl ich schon länger sehe, was bei euch los ist.“
„Marie, was soll ich denn erzählen? Es … es … fühlt sich irgendwie so unheimlich … „
„ … sicher an?“
„Ja, das macht es ja so unheimlich.“ Marie lachte leise auf: „Auch eine Art von Horror. Aber die gute.“ Ihre Hände fanden sich zwischen den Köpfen der Mädchen. „Wollt ihr ein Kind?“
Karoline schwieg einen Augenblick. Later in Life; das war wohl der Preis, den sie für ihr Glück zahlen sollten. Sie schüttelte langsam ihren Kopf. „Zu spät. Schon zu spät. Schon länger zu spät.“
„Was meinst du?“
Sie sahen sich für einen langen Moment an, dann nickte Marie vorsichtig. „Wenn du mehr erzählen willst, hör ich zu. Egal wann.“
„Danke.“
„Aber erzähl wenigstens eine schöne Sache, bitte.“
„Gut“, Karoline dachte keine Sekunde nach, „es war ganz am Ende des Mais, am Sonntag Abend. Kurz vor Zehn gab es doch noch das erste richtige Sommergewitter, drei Wochen zu früh. Da haben wir es uns zum ersten Mal gesagt. Wir waren beide so aufgeregt, haben fast darum gestritten, wer es zuerst sagen darf.“
„Und?“
„Er war schneller. Aber ich werde seinen Blick nach meiner Antwort wohl nie vergessen. Ganz abgesehen von dem folgenden Kuss. Kribbeln vom Bauch bis zum Scheitel, so richtig mit zitternden Lippen.“
„Frau Salthusser, du ahnst wie ich mich freue. Die richtigen Entscheidungen werden nie zu spät getroffen, sondern immer nur im richtigen Moment. … Ich weiß wie altklug das klingt.“
„Nein. Klingt nur klug.“ Karoline rückte näher an ihre Freundin heran. „Habt ihr schon Paten für euer drittes Kind?“
„Ihr macht das super. Schafft ihr ganz locker noch eins.“
„Mit Sicherheit.“

Seit diesem für immer in schönster Erinnerung bleibenden Mai hatten sich die Gewitter gehäuft, im Zwei Tage-Rhythmus wechselten sie sich mit Schauern und Sonnenschein ab, Karoline und der Brillenträger übten mit Leichtigkeit einen gemeinsamen Alltag ein, als ob sie schon seit Jahren zusammen leben würden, nur teilten sie jetzt auch immer öfter ihren Schlaf, woran sich beide schneller gewöhnt hatten als sie es nach Jahren einsamer Morgen erwartet hätten.
Und noch brauchten sie dafür mehr als eine Decke, der Sommer sollte erst am kommenden Wochenende auch nachts zu spüren sein. Denn das wärmste Jahr der Menschheitsgeschichte hatte nun auch offiziell begonnen. Die US-Behörde NOAA war sich absolut sicher: El Nino war da. Und zwar rrrrichtig: Sogar das Eis am Südpol schmolz schneller als jemals zuvor. Doch auch dafür hatten die beiden die Lösung bereits gefunden: Der eine Ort, in dem der Hochsommer nur schön ist, lag direkt vor den Toren der Städte, sie brauchten nur loszugehen um anzukommen.

Der Brillenträger und der Buchträger hatten ihre dritte Zigarette geraucht, und der zweite Kaffee war auch nur noch einen Schluck vom Ausgetrunkensein entfernt. Das Rentnerpaar am Nebentisch hatte sich hinter seine Schwarzen Spiegel zurückgezogen. „Ob die auch schon Affären mit ihren KIs haben?“ Der Brillenträger legte seinen Schwarzen Spiegel wieder umgedreht auf seinen Tisch. „Wie meinen?“
„Na die beiden da. Ob die auch schon Chat-Bots benutzen? … Du weißt schon: Chatti, sollte ich meine Frau doch noch verlassen? Chatti, sollten wir vielleicht doch wieder in einem Bett schlafen? Chatti, wie lange wird unsere Ehe noch halten? Chatti, wer von uns beiden stirbt wahrscheinlich zuerst und woran? Chatti, checke die letzten Fragen auf psychatrische Auffälligkeiten.“
„Chatti?“
„So nennen viele ihre besten Freund*innen inzwischen.“
„In welcher Black Mirror-Folge?“
„In echt.“
„Okay.“ Der Brillenträger entsperrte kopfschüttelnd seinen Schwarzen Spiegel: Ein einzelnes blutrotes Herz. Gesendet vor fünf Minuten. Ganz in der Nähe.
„So“, er steckte das Handy in seine rechte hintere Hosentasche, „auf dem Weg zum Bahnhof gehen wir euren Plan nochmal durch. Bin mir sicher, dass doch noch irgendwas unsicher ist.“
„Was meinst du? Wölfe heulen am Lichtungsrand, wenn wir uns vor euch allen küssen?“
„Harzrandwölfe haben besseres zu tun, als euch beide beim Küssen zu beobachten.“
„Ach ja, nämlich was?“
„Liest du wirklich gar keine Zeitung mehr? Kajolan? … Nein, schlägt nichts an? Stammt aus Thale. Ist im Zoo von Tokio Vater von drei Grauwolf-Welpen geworden. Hat nach schwierigen Zeiten in seiner alten Heimat doch noch ein echtes Happy End erlebt.“
„In Tokio? Wild.“
„Eben. Also, eure Wilde Hochzeit. Habt ihr schon eine Waldwiese ausgesucht?“
„Noch nicht.“
„Wisst ihr, wen ihr dabei haben wollt?“
„Noch nicht ganz.“
„Habt ihr schon Tätowiertermine?“
„Noch nicht.“
„Habt ihr schon ein Datum?“
„Noch nicht.“
„Habt ihr über Kleidung gesprochen?“
„Noch nicht ganz ernsthaft.“
„Hast du schon angefangen, deinen Schwur zu schreiben?“
„Auch noch nicht.“
„Habt ihr euch wenigstens schon gefragt?“
„Brauchen wir nicht.“
„Und ihr seid euch wirklich sicher?“
„Ja.“
„Warum?“
„Wegen solcher Sätze hier:“, er brauchte den Chat nicht extra aufzumachen, das Handy blieb in der Tasche, er flüsterte gerade so laut, dass sein Freund ihn verstehen konnte, „Ich bin überall nicht mit meinen Gedanken.. aber bei dir.“
Der Buchträger ließ die Worte kurz im Wind stehen. „Aber was es zu essen gibt, das wisst ihr schon, oder?“
„Haben wir noch nicht besprochen, aber auf Bigosch darfst du dich mit Sicherheit schon mal freuen.“
„Yes. Dreibein. Lagerfeuer. Singen zum Sonnenuntergang. Klingt nach einem Plan. Tanzt ihr?“
„Wissen wir … auch noch nicht.“

Eine Stunde später saß der Brillenträger nach zwei Wochen das erste Mal wieder zum Schreiben am Tisch. Ausgerechnet in diesem Sommer hatte er also seine Sicherheit gefunden. Ausgerechnet heute würde die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr erstes Spiel der Weltmeisterschaft spielen. Ausgerechnet gegen Curacao. Ausgerechnet in Texas. Ausgerechnet am 14. Juni, dem 80. Geburtstag des momentanen Präsidenten der USA. Ausgerechnet am Tag der Siegesparade der New York Knicks. Er ging seine Notizen durch: Jap, das einzige Spiel, das die Mannschaft um Superstar und Triple-Saison-MVP Jalen Brunson in der Finalserie verloren hatte, war das Spiel, bei dem der Präsident vom gesamten Madison Square Garden ausgebuht wurde, bevor er in der zweiten Halbzeit eingeschlafen war und dann noch weit vor Abpfiff ging. Immerhin wartete aber heute vor dem Goldenen Haus sein Geburtstagsmatch in einem riesigen Käfig auf ihn. Der Brillenträger klickte sich einige Tage zurück: „A federal lawsuit filed just days before Trump’s planned UFC event at the White House is asking a court to stop the event immediately, calling the scheme “deeply corrupt” and accusing Trump of using public property to enrich allies and political supporters. The lawsuit argues: The event, billed as ‘UFC Freedom 250,’ is being organized by the UFC, whose chief executive, Dana White, is a close friend and ally of the President. The President is giving White and his company what none have enjoyed before: unfettered access to the White House and Lincoln Memorial to stage a private, for-profit sports event.” The suit points to reports that UFC VIP packages are being sold for between $1 million and $1.5 million per person and notes that sponsors are “clambering over each other to see their brands plastered adjacent to the Executive Residence and Reflecting Pool.” The lawsuit also highlights the role of Paramount Skydance, stating: “No American will be able to take in this ‘celebration of America’ without first paying $8.99 plus tax for a Paramount Plus streaming subscription.” So viel zum Thema Technofaschismus; das Alte Rom rieb sich staunend die übermüdeten Augen. Er klickte weiter, scheinbar ziellos, so ziellos wie ihm der Zeitgeist da draußen vor der Tür auch nur bloß erschien. Immer noch war nichts vorbei. Immer noch war nichts besser. Immer noch war Krieg.

 

Open Letter

To the President of the Russian Federation
From the President of Ukraine

When you came to power in Russia more than 26 years ago, many people in Ukraine viewed you positively. That is how it was. But that is now in the past.
Now, the overwhelming majority of Ukrainians view it positively that our long-range drones paid a visit to the opening of your forum in St. Petersburg, covering a distance of more than 1,000 kilometers. As you know very well, that distance is not the limit of our capabilities.
For 26 years, your time in power has completely changed the agenda of relations between Ukraine and Russia. From discussions about trade and other civilian matters, our nations have moved to talking almost exclusively about strikes and losses.
You have spent nearly half of your 26 years in power in Russia waging war against Ukraine.
Whatever you may say about NATO, geopolitics, or the Russian language, this war is your personal choice — a war without a real cause. That is how history will remember it.
Those years could have been very different.
We often hear that you are comfortable with this war. Of course, not in those cases when it comes to the security of your residence in Valdai or your parade in Moscow. Your own life is valuable to you.
But now we can all see that Russians are finally becoming less comfortable with this reality — with the fact that the war is bringing more and more negative consequences to Russia.
They do not like our drones and missiles.
They do not like gasoline shortages and constantly rising prices.
They do not like constant restrictions.
They do not like your intention to launch a second wave of mobilization in order to expand the war into another direction in Ukraine or to use it against other countries neighboring Russia.
They do not like the fact that there is no end in sight to your war.
Yes, you can still force Russians to exist this way. But your resources are shrinking significantly.
You will not have enough money or political capital to keep buying the loyalty of Russians the way you have for the past 26 years.
And we will do everything we can to ensure that the world helps bring that moment closer.
As you yourself like to say, “we need to run the numbers.”
Yesterday, I received a report on the losses of your army on the front in Ukraine during May. Once again, the number exceeded 30,000 Russian soldiers killed and seriously wounded. We have been maintaining that level month after month, and we have video confirmation of every one of your losses — these are not empty claims.
We know that 63 percent of your battlefield losses are killed, while only 37 percent are wounded. In the 21st century, no army can afford such a ratio. And the share of those killed will continue to grow.
It is not as if we in Ukraine are concerned about the fate of Russian soldiers after everything your war has brought to our country.
But I do care about Ukrainians.
We are losing our people, and every loss is painful to us. Even when the ratio of Ukrainian losses to Russian losses is one to five or one to six, it still matters greatly.
It also matters that you regularly postpone, every few months, your own deadlines for capturing our regions — especially the Donetsk region. And you will not capture it this year either.
But we in Ukraine do not want a permanent war. We know very well that life without war is infinitely better. And we want to achieve that.
I am convinced that the majority of Russians would respond positively to this as well — and you know it.
Many did not believe that Ukraine would be able to hold out for so long. You did not believe it. And those who advised you did not believe it either. That was a mistake.
You did not expect full-scale resistance from Ukraine, and you did not foresee that things would go this far. Yet here we all are — in the fifth year of this full-scale war.
Do not be afraid to take the path out of this war. That is the main thing that is required of you now.
Ukraine has preserved its independence. And it will preserve it. Despite all predictions to the contrary.
We have united many around the world to stand with Ukraine and against you. We found the weapons and the financing we needed.
We receive support. You receive sanctions. And this will continue until there is justice for Ukraine — the justice we seek and the justice that can be achieved.
We will not allow those who are trying to convince you that sanctions against Russia will be significantly eased, and that support for Ukraine will be significantly reduced, without any meaningful change in your position toward Ukraine, to succeed. The example of Orban shows how those who choose to help Russia in its war against us end in disgrace.
Ukraine has endured harsh winters while you tried to destroy our energy system. We held firm — and even in darkness, the resilience of Ukrainians remained intact.
We brought the war onto your territory, and you would not have been able to cope with it without North Korea’s help. You are the first ruler of Russia to turn to Pyongyang for assistance.
And today you are fully dependent on China — also for the first time in Russia’s history.
You believed Ukrainians would not have the strength to defend themselves. Yet today, our people are helping our partners in the Middle East and the Gulf build their own defenses.
You hoped for internal unrest in Ukraine. Instead, it was your own military formations that staged a mutiny against you. June 23 will mark another anniversary of that event, and silence will not erase this fact from history.
And now it is you whom your own officials, businessmen, and propagandists look at with obvious fatigue. The world can see it.
The world has not grown tired of Ukraine, as you long hoped it would. But there is growing fatigue with Russia — even among those in the wider world who help you bypass sanctions and keep your economy afloat.
You cannot fail to notice it. After 26 years in power, age is beginning to take its toll. And with time, the fatigue with you will only grow.
We have seen intelligence reports showing that you are now considering plans to continue the war into 2027 and 2028. We also know that you hope ballistic missiles will achieve for you what everything else has failed to achieve. You want to draw Belarus even deeper into this war, and we are now forced to prepare for that as well. We see that you are trying to orchestrate something around Transnistria. Your propagandists threaten, in one way or another, every country neighboring Russia. Do you really want to go through all of this?
The choice is yours now.
Enough of war.
Ukraine proposes to end this war.
This must be done honestly, with dignity, and with guarantees that the war will not be reignited.
We see that the United States is fully focused on the issue of Iran, and it would be wrong to simply wait until the war in Europe returns to the center of its attention.
Ukraine proposes ending this war through direct engagement between us — and you.
I am proposing a meeting.
Everyone heard your representatives, smiling, say that I could supposedly come to Moscow. But after these 26 years, there is nothing for a Ukrainian leader to do in your capital — just as there is nothing for a Russian leader to do in Kyiv.
There are countries that have traditionally hosted leaders to resolve issues of war and peace. Switzerland, Türkiye, the countries of the Arab world — many are able and willing to host such a meeting.
It is leaders who resolve the key issues. That has always been the case, and it always will be.
I propose to set a clear date for such a meeting.
We have heard that you were promised in Alaska the resolution of certain issues concerning Ukraine and Europe. But you can see for yourself that Ukrainian and European issues are not decided in Anchorage.
Other agreed participants could join the bilateral track to be established between us.
Since the war is taking place in Europe, and since Ukraine needs security guarantees, while you also seek security guarantees for yourself, it would be logical to involve those who can genuinely serve as guarantors.
We believe Europe should be part of this process — those who truly have the capacity to influence the situation.
We also believe that the United States must be part of the process. This is what could help shape a new security architecture for our part of the world.
We’ve already experienced many agreements with Russia, including the Minsk agreements, that ultimately failed. That is why we must first find direct answers between us to the questions that remain, and not hide from difficult issues behind formulas, technical working groups, or endless time lost in shuttle diplomacy.
Your war has permanently set Ukraine and Russia apart.
The front line today is the line from which diplomacy must begin.
Ukraine is ready for a full ceasefire for the duration of the negotiations. This is standard practice, and current developments around Iran only reinforce that point. An attempt to establish real silence is the best way to begin talking to one another. We believe it would not simply be an attempt, but a real ceasefire — if that is what you want.
You know that the United States has the capability to monitor a ceasefire along the line where hostilities stop.
Ukraine is ready for an all-for-all exchange of prisoners of war, and this could become a good prologue to ending the war.
Serious steps must be taken to return civilians and children who were taken away during the war.
We must determine what kind of future awaits the generations of Ukrainians and Russians who will come after us.
If you do not personally come to the conclusion that it is time to end this war, Ukraine will continue fighting for its existence. We will have those who support us.
But you, too, will have to fight much harder for your own existence — not Russia’s, but your own. And this is not a threat from me or from Ukraine. It is a fact of Russian history that you know well: when Russia grows tired, change comes.
We can work toward that fatigue.
You can stop your war.
Eternal memory to all those whose lives were taken by this war.
Glory to Ukraine!

 

Der Brillenträger klappte sein Notebook zu. Worte waren nur noch Worte. Putin hatte nur schmallippig geantwortet: Kein Interesse. Der Krieg dauerte weiter ewig. Und war doch weit genug, noch ewig weit weg. Er schaute auf seinen anderen Schwarzen Spiegel, Karoline hatte vor ein paar Minuten geschrieben: „Route rausgesucht. Socken rausgelegt. Schuhe eingefettet. Ist nicht weit. Dafür viele Orte, um Vögel, Bienen und Blumen zu sehen. Ums Essen hab ich mir auch schon Gedanken gemacht. Du um den Rest?“ Er las den Plan noch zwei weitere Male. „Schon gemacht. Deine neuen Schuhe? Stehst du sicher drin?“
„Noch nie sicherer. Versprechen uns alle Jahre. Wir sehen uns nachher. Schreibst du noch?“
„Ja, aber nur noch eine kurze Geschichte.“
„Worüber?“
„Über ein Paar, das auf dem Galgenberg zusammenziehen will.“
„Macht Sinn.“
„Eben drum. Pass auf: Im Jahre 2029 beginnt er damit, für die Kinder in der Nachbarschaft Privatunterricht anzubieten, die AfD hatte vor einem halben Jahr tatsächlich die Schulpflicht abgeschafft.“
„Oha. Welche Art von Elternhäusern?“
„Alle des Viertels. Alles Kleingruppenunterricht. Bunt wie im Zentrum, nur hinter Zäunen und Hecken versteckt. Deswegen kann er bald seine Stelle am städtischen Gymnasium kündigen, die Elternhäuser sind solvent und dankbar.“
„Wofür?“
„Dass hinterm Gartenzaun die Brandmauer noch steht.“
„Klingt gut. Wie lange brauchst du noch?“
„Bin eigentlich schon fertig. Suche nur noch nach einem Titel.“
„Findest du. Mit Sicherheit.“
„So sicher wie wir den richtigen Weg durch den tiefen Wald finden werden nächste Woche, an einem Hochsommertag vor einer der beiden zweitlängsten Nächte des Jahres. Wie verbringen wir die?“
„Haben doch immer einen Plan.. auf jeden Fall barfuß.“ Die letzte Antwort schrieben sie gleichzeitig: „Ganz sicher.“

 

Letzte Kurzgeschichte

The Last Unicorn, Part One

Bild: Say my name.

 

 

„And every book you take
and you dust off from the shelf
has lines
between lines
between lines
that you read about yourself.
But does a light shine on you?

And when your friends are talking
you hardly hear a word.
You were the first person herе.
And the last man
on the Earth.
But does a light shinе on you?“

(Wolf Alice: The Last Man on Earth. 2021)

 

„Dein letzter was?“
„Meiheißan.“
„Kannst du wirklich nicht deutlicher?“
„Doch, das tut dann aber mehr weh.“ Der Brillenträger presste den Kühlakku an seine linke Wange.„Müss’n ja nich ewich telefonier’n.“
Das Almänchen brummte zustimmend: „Klar. Wollt nur noch mal sagen: War echt cool am Samstag. Danke nochmal.“
„Danke für’s Mitspielen. Biste nächstes Mal auch wieder mit dabei?“
„Kannste dich drauf verlassen! Muss doch wissen, wie es weitergeht mit, äh, wie hieß es noch mal? Anthrax?“
„Alter! Du musst echt besser mitschreiben. Beim nächsten Mal lachen die Nerds dich aus für sowas. Unwissenheit wird nur bei Anfängern toleriert. Ab Level Zwei sollte man die meisten Gags schon verstehen, sonst weiß man schnell nicht mehr, wovon die alle reden. – Aua, das waren zu viele Worte hintereinander.“
„Ja, schon verstanden. Ich mache meine Hausaufgaben. Kannst mir ja mal ne Liste schicken, damit ich mich wenigstens nicht bei den Klassikern blamiere.“
„Mach ich gern. Aber zumindest einen Film kannst du ja jetzt schon mal nachholen die Tage. Wetter is ja eh dürftig.“
„Den mit Lady Almathea, ja?“
„Ah, doch aufgepasst! Genau den.“
„Und apropos weitermachen, das wollte ich dich eh schon länger mal fragen, dann hören wir auch auf, damit du deine große Klappe ausruhen kannst. Wie läuft eigentlich dein Internetliteratur-dings? Jagst du noch dem Traum von den Bestsellern der Jahre 2030 bis 2039 nach?“
Der Brillenträger zögerte nicht, auch weil er so schnell wie möglich antworten wollte, das Reden machte sich in seinem Kiefer immer bemerkbarer, die Narkose ließ langsam nach, seine Oberlippe begann bereits zu kribbeln: „Bestseller hast du gesagt. Mir würde immer noch der Ruhm der Nachwelt reichen. Läuft aber gut. Schreibe inzwischen etwas entspannter. Haste mal wieder was gelesen?“
„Sporadisch. Ist immer so dicht. Aber ich bleib dran. Also immer noch keinen Bock auf Rampenlicht?“
„Exakt.“
„Und was is mit KI?“
„Wie meinst du das?“
„Na, du könntest doch ganz einfach … “
„Könnte ich nicht.“
„ … lass mich doch mal ausreden! Du könntest doch schon vorschreiben!“
„Hä?“
„Na einfach prompten, dass die KI sich mal Gedanken machen soll, wie eine Episode im nächsten Jahr um diese Zeit aussehen könnte.“
„Klar, ich könnte sie auch einen Roman darüber schreiben lassen, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn es bald gar keine Bücher mehr gibt, zumindest keine von echten Personen geschriebenen.“
„Das Letzte Buch! … Oder wär das als Titel zu platt?“
„Nö. Wenns stimmt? Ich schick dir mal was, was einen super Rahmen dafür abgeben würde, und dann lege ich auf. Ich glaube ich muss mal schauen, wie viel Schmerzmittel ich noch da habe. Bis bald!“
„Mach das! Und mach’s gut!“

„Schätzungen gehen von bis zu 700.000 betroffenen Titeln in Deutschland aus. Weltweit könnten es mehrere Millionen Bücher sein: Seit einigen Monaten berichten Antiquariate und Buchhändler in Europa von einem neuen Phänomen: Vergriffene Bücher werden in großen Mengen aufgekauft – automatisiert, systematisch und offenbar nach festen Kriterien. Die Bestellungen gehen nachts ein, umfassen teils Hunderte oder Tausende Titel und folgen einem auffälligen Muster. Meist werden ältere Sachbücher, Fachliteratur oder sogenannte Lagerleichen erworben und von jedem Titel nur ein Exemplar. Im Zentrum der Diskussion steht das kanadische Unternehmen Zoom Books. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet sein Vorgehen als reguläres Handels- und Recyclingmodell. Aus Sicht der Antiquare passen die gekauften Mengen, die Auswahl der Titel und die dahinterstehende Logistik nicht zu üblichem Buchhandel. Zudem zeigen Fotos aus Lagerhallen Bücher, die teilweise unsortiert in große Container geworfen werden. Händler gehen daher davon aus, die Bücher könnten digitalisiert und als Trainingsmaterial für KI-Systeme genutzt werden. Als möglicher Hintergrund gilt die zunehmende Knappheit hochwertiger Trainingsdaten. Viele KI-Modelle wurden bereits mit großen Mengen frei verfügbarer Online-Texte trainiert. Gefragt sind daher Inhalte, die online kaum verfügbar sind. Branchenkenner vermuten auch, dass Unternehmen versuchen könnten, ein Schlupfloch im US-Urheberrecht zu nutzen. Die Theorie lautet, dass ein physisch erworbenes Buch eingescannt und anschließend vernichtet wird. Dadurch könnte argumentiert werden, dass keine unrechtmäßige Kopie des Originalwerks mehr existiert und die Nutzung unter das Fair-Use-Prinzip fällt. Kurzfristig profitieren Antiquariate zwar von den zusätzlichen Verkäufen. Langfristig befürchten Händler Auswirkungen auf den Gebrauchtbuchmarkt. Antiquariate sind Teil eines Kreislaufs, in dem Bücher über Jahrzehnte weitergegeben, gesammelt und wiederentdeckt werden. Werden Werke stattdessen digitalisiert und entsorgt, könnten sie aus diesem Kreislauf verschwinden.“

Welches Buch würde in dieser Zukunft wohl das letzte sein, das im Feuer landet? Wer hätte es geschrieben? Wer verlegt? Wer verkauft? Wer eingescannt? Wer verbrannt? Der Brillenträger notierte sich diese Fragen für irgendeine Fortsetzung seiner ersten eigenen D’n’D-Kampagne; warum nur von einem Phänomen das letzte? Warum nicht von allen? Ging die Welt denn etwa doch nicht unter?

Das Almänchen hatte der Brillenträger erst am Freitag vor dem ersten Sommerferiensamstag zur Party eingeladen. Die anderen Gründungsmitglieder*innen hatten sich schon seit Wochen auf den Kampagnenstart gefreut, aber einige hatten erschöpfungsbedingt absagen müssen. Also hatte er dem Almänchen nur einen kurzen Abriss des Spiels gegeben und ansonsten eher Spannungsregenbögen gebaut als wirklich etwas zu verraten oder näher zu erklären. Dabei hätte er am liebsten allen seit Wochen schon erzählt, wer die eigentliche Hauptfigur des Abenteuers werden sollte. Dass es dabei nicht nur um Eskapismus gehen sollte, sondern um idealisierte Realitäten, wo das Gute auch mal gewinnen darf, wo Einhörner immer noch super selten sind, aber wo es wirklich welche gibt, und wo blaue Augen so unheimlich leicht zu lieben sind.
Als das Almänchen ihn an ihren letzten gemeinsamen größeren „Fluchtversuch“ erinnert hatte, hatte der Brillenträger nur schnell eine weitere irrwitzige Geschichte über die „Smithereens aus Quedlinburg“ erfunden (Europa- und anschließende US-Tour, seitdem mit Einreiseverbot in allen Ländern belegt, totale Herrschaft von Facebook bis TikTok, dann der erwartbare Drogenabsturz in Mehrfachdepressionen, Trennung, Wiedervereinigung, Auftritt im Olympiastadion, Karriereende vor 80.000), war dann schnell dazu übergegangen, vom neuen Bandenreffpunkt, einer Wohnung am westlichen Ende der Bockstraße, zu schwärmen (beste Gastgeberin, Spieltisch in Idealgröße, Rauchen am Tisch ebenfalls erlaubt), um dann darüber zu referieren, dass für die anstehende „Wanderung“ kein Tisch groß genug hätte sein können, aber viele viel zu klein. Das Almännchen hatte am Ende nur noch eins sagen können: „Okay, dann lass ich mich mal überraschen.“

Vorgestern dann, am Samstag, waren auch die letzten aufgeheizten Fachwerkhausdachgeschoss-wohnungen wieder auf Normaltemperaturen abgekühlt. Der Sommer hatte dennoch jetzt schon beste Chancen, der heißeste Sommer des gesamten Jahrzehnts (und also des bisherigen Jahrhunderts, und also der bisherigen Zivilisationsgeschichte) zu werden, auch weil nur noch drei Sommer kommen konnten. Seit Mitte Juni gab es jeden Tag 30+°C, meist schon ab dem späten Morgen. Der erste harte Hitzedom des Jahres hatte dann für fünf Tage bis zum Ende des Junis über dem gesamten Land gestanden. Das schwerste aller Unwetter. Gemessen an den Opfern war dagegen jeder Hurrikan harmlos. Es hatte Allzeitrekorde gehagelt, 26. Juni: 41,3°C in Saarbrücken, 27. Juni: 41,5°C in Drewitz, 28. Juni: 41,7°C in Neißemünde; das öffentliche Leben war weitestgehend zum Erliegen gebracht worden. Es war als heißestes deutsches Wochenende überhaupt aber bereits schon wieder Geschichte, und die nächste Hitzewelle war kaum noch eine weitere Woche entfernt. Rekorde aus anderen Teilen der Welt hörten sich gar nicht mehr so weit weg an: Bretagne: 43°C, Nordindien: 45°C, Irak: 51°C, alles gemessen nur zwei Tage nach Sommeranfang. Besonders die Nächte hatten den Menschen zugesetzt, an einem Ort in Sachsen waren die Außentemperaturen bis zu einem frühen Morgen nicht unter 30°C gefallen.
Aber weder die ungezählten Wald- und Feldbrände noch die ungezählten Hitzetoten konnten die Stimmung irgendwie eintrüben: Noch war Deutschland nicht bei der Fußballweltmeisterschaft im Sechszehntelfinale ausgeschieden! Der US-Präsident hatte sich noch nicht zum Vorteil der USA in Schiedsrichterentscheidungen eingemischt. Nein! Hitzefrei an allen Schulen!; Das Klietz, schon kurz davor, das Prinzenbad des Galgenbergkiez’ zu werden, platzte ab dem Mittag aus allen Schweißnähten. Und so hatte auch der Brillenträger leichten Herzens die Fortführung seiner Chronik ein weiteres Mal verschoben, denn auch echte Einhörner lernen das Schwimmen nicht im Winter.
Worüber er sonst auch hätte schreiben müssen, bot ihm erneut genug nur wieder mehr als genug Anlass, alles andere als traurig darüber zu sein: – Im UK schmeißt der nächste Premierminister hin, sein Nachfolger übernimmt direkt dessen Amtsbonus. – Jens Spahn wird als Mitglied der „Dialog Society“ (Peter Thiels geheimster Arschloch Club) enttarnt. – Nach dem schweren ukrainischen Drohnengroßangriff auf Moskau bleiben die Fronten verhärtet wie eh und je. – Trumps Unterschrift unter einem Memorandum zu Friedensverhandlungen in Versailles (in den USA gerne mit dem OG Versailler Vertrag verglichen) ist kaum getrocknet, als es im Iran, im Libanon, im gesamten Nahen Osten einfach weiter knallt. – 25. Juni: Jahrhunderterdbeben in Venezuela (Caracas betroffen, nach 14 Tagen mehr als 4.000 Tote geborgen) – Abends immer Fußi. – 1. Juli: Skywalkers auf dem Empire State Building; Es geht dann leider doch nur um Personen und nicht um die Message („If the power of love beats the love for power the world will know peace.“). – USA250 (4th of July): – „Der Reflecting Pool ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Übergewichtige Nationalgardisten gehen in Gruppen darum herum. Werden sie zu langsam, brüllt ein von einer Künstlichen Dummheit gesteuertes automatisiertes Sicherheitssystem: „Gehen sie weiter! Herumlungern ist illegal!“ Die „Great American State Fair“ ist das perfekte Symbol für den Trumpismus. Wie auch der Reflecting Pool, wurden das Gelände und die „Gebäude“ darauf von der Mafia errichtet. Deswegen ist alles aus billigster Pappe und aus Plastik. Es gibt nichts zu sehen, was man bei jedem besseren amerikanischen Dorffest sonst zu sehen kriegt. Alles wirkt potemkinsch. Der Plastik-Triumphbogen hat Risse und schwitzt Spachtelmasse. MAGA-Wahnsinnige stehen Schlange, um sich vor einem Transparent ablichten zu lassen, das fordert: „Make Trump King!“; Sie tragen MAGA-Hüte und US-Fahnen, hochverräterische Konföderierten-Fahnen und murmeln irgendwas von irgendeiner „Konstituschn“, die sie offensichtlich nie gelesen haben. Große Gruppen maskierter Neonazis treffen gerade in Washington D.C. ein. Ein schwarzer Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsbetriebe muss den weißen Herrenmenschen zeigen, wie man durch ein U-Bahn-Drehkreuz kommt, weil die Landeier noch nie zuvor eines gesehen haben. (Im Anschluss entsteht eines der bekanntesten Memes des Tages: Eine U-Bahn-Waggon voller Neonazis der „Patriot Front“, maskiert mit weißen Sturmhauben. In der Mitte, als einzige sitzend, eine junge schwarze Frau. Rosa Parks zieht im Grab an ihrem verrotteten Haar. Anm. d. A.) Es hat 45 Grad im Schatten und auf dem riesigen Gelände der State Fair sind keine Wasserflaschen erlaubt, ja sogar Sonnenschutz ist verboten. Trump plant, eine stundenlange Rede in der Hitze zu halten.“ (Bernhard Torsch) Dann: Die Parade wird abgesagt! Hurrikanwarnung! „Am Abend gehen in Washington D.C. 850.000 Feuerwerkskörper in die Luft (und das sind „nur“ die, die Regierung zündet). Die Feinstaubbelastung und die Brandgefahr sind riskant hoch.“ Trumps Rede wird verschoben, das Gelände wird vorübergehend evakuiert, er selbst ruft zum Bleiben auf, „Stürme bringen Glück“. „National Guard troops were filmed flipping over picnic tables trying to clear the grounds. Some families gave up and went home furious. Others screamed at Secret Service service and other federal officials.“ Trump würde auch erst nachts um Zwei reden: “If they can storm the beaches on D-Day, I can deliver a speech.” (Except D-Day was delayed a full 24 hours because of bad weather. Eisenhower waited it out.) Trump hat Paradoxien durchgespielt. Die „Patriot Front“ marschiert; Fußvolk bleibt Fußvolk. – Austin Reaves klappt auf dem Golfplatz zusammen, als er erfährt, dass er der höchstbezahlte ungedraftete Spieler der NBA-Geschichte ist; der Captain bleibt in Los Angeles. – Der King geht. – Es kann also doch nur einen geben.

Die Faschoneuigkeiten hatte sich der Brillenträger aber für das Spiel aufgespart, das bereits kurz nach dem Mittag beginnen sollte. Als er vor einigen Wochen die ersten Karten für das heutige Abenteuer gezeichnet hatte, war ihm schnell die Idee gekommen, nach der Eröffnungsszene auf dem Quedlinburger Marktplatz eine Runde „Nazis Boxen“ zu spielen. Und dafür eignete sich dieser Samstag, 4. Juli, ebenfalls hervorragend: In der vergangenen Woche hatte ein weiteres juristisches Gutachten (der Gesellschaft für Freiheitsrechte) sehr eindeutig dargelegt, was alles für ein AfD-Verboooo-ho-ho-hot sprach; Spoiler: Zu viel. Außerdem hatten Siegesschwund und der männliche Bundesparteischef in Berlin zum Auftakt des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt astreine Flügel-Reden auswendig gelernt, und besonders erstgenannter hatte dabei kein Blatt mehr vorm Mund. Der „Sexiest Nazi Alive“ forderte, in eine hell cremefarbene, eng anliegende Hose und einen eng anliegenden zartrosafarbenen Hauch von Pulli gekleidet, die Abschiebung von Millionen. Am nächsten Abend sprach er vor Millionen bei Markus Lanz, übte aber eigentlich nur seine Ausreden (Die da oben in Berlin!). Und als Höhepunkt der Geschichtsträchtigkeit fand an diesem Samstag, 4. Juli, auch noch der AfD-Bundesparteitag statt. Exakt einhundert Jahre nach dem ersten NSDAP-Bundesparteitag (nach der Aufhebung des Verbots) in Weimar, und zwar in Erfurt; die beiden Städte liegen eine halbe Bundestraßenstunde voneinander entfernt. Etwa 40.000 Gegendemonstranten versuchten die umliegenden Zufahrtswege zu blockieren, doch die Thüringer Polizei gab den anreisenden Faschos freies Blaulichtgeleit. Worum es denen wirklich geht, machte dann Björn Höcke gleich zum Auftakt in seiner Eröffnungsrede klar: Heilung. Und zwar vom Antifaschismus.

„Und die dürfen wir jetzt so richtig fertigmachen?“ Das Glänzen in den Augen des Riesen am Tisch erhellte die dunkelbraune Karte vor ihnen. Nach zwei Stunden hochlustigem Roleplay-Trouble auf der ersten Karte des Tages (und einer dort bereits enthaupteten Nazi-Figur) stand die Party vor den Treppen des Quedlinburger Rathauses. Sämtliche umliegenden Gebäude waren seltsamerweise geschlossen, sogar die Marktkirche. Ihnen schallten kratzige Klänge aus einer kleinen Blurtooth-Box entgegen: „Antifa! Ihr könnt mich mal! … Nicht besser als Faschisten!“ – Und damit war der Fight auch schon eröffnet. Ohne großes Federlesen lagen eine gute halbe Stunde später fünf monströse Faschos leblos und entehrt auf dem braunen Tonkarton. Die Party kannte kein Erbarmen. Die dadurch verloren gegangenen Erfahrungspunkte (fragwürdige Brutalität der Helden) verschmerzten sie mit einem Schulterzucken, das war es wert gewesen.
Und als sie danach gemeinsam die nächste Karte betraten, wurde das Versprechen ihrer neuen Begleiterin, einem Tieflingsmädchen mit Wolfsohren, umgehend wahr: Der Ausweg aus der Hölle des Zeitgeistes führte durch einen langen und verwinkelten Gang im Schattensaum: Der erste Crawl der Party dauerte fast drei Stunden. Am Ende standen sie gemeinsam am Eingang zur Feenwildnis, hatten den Kampf mit dem ersten Drachen des Abenteuers erfolgreich vermieden, und neben ihnen stand nun die eigentliche Hauptfigur der Kampagne, welche sie während ihrer Flucht wie nebenbei aufgesammelt hatten; nur ein neuer Name fehlte ihr noch (mit ihrem alten hatte der DM andere Pläne..). Das Raten übernahm die Waldläuferin, der Barde war dafür zu müde, der Riese zu jung. Nur der Zauberer konnte noch helfen; eine Party funktioniert nie allein. „Aber ist Artax nicht ein Männername?“ Die anderen schauten den Zauberer verwundert an. „Sach ma, Schemdrik, müsstest du das nicht selbst am besten wissen?“ Und genau in diesem Moment geschah es: Das Einhorn erwachte wirklich zum Leben: „Hallo? Ich bin eine Fantasiefigur in einem Fantasyspiel! Spiel einfach mit!“
Die letzte Karte des Tages besuchten sie danach nur noch kurz, nach neun Stunden waren ihre Gedanken müde geworden. Der nächste NPC, Snoop Dawg, erklärte dem Adler der Waldläuferin zwar noch schnell, wie er sich einen Überblick über die kommende „Wanderung“ verschaffen konnte, aber auch dessen Auffassungsgabe reichte nur noch für einen kurzen Blick in die Zukunft: ein Fluss, der in den Bergen verschwindet, dichter Wald auf beiden Seiten des Tals, eine weite Lichtung, ein tiefer Sumpf.

„Fortsetzung folgt,“, war der kollektive Gedanke der Party, als sie an diesem Samstag, 4. Juli, ihre Sachen zusammengesucht hatten und um kurz vor Zehn am Abend wieder ihrer Wege gingen. Das Tieflingsmädchen mit den Wolfsohren hatte nicht zu viel versprochen: Der Run Upon the Hill, der sie beim nächsten Treffen erwartete, wenn der Herbst schon wieder so viel näher sein würde, würde, konnte nichts anderes werden als das nächste große Abenteuer. Selbst wenn es auch ihr letzter sein mochte.

Der Brillenträger saß um kurz vor Mitternacht, an diesem 4. Juli, einem Samstag, noch ein letztes Mal am Schreibtisch und träumte, wobei er das Schreiben beendete, von realisierten Idealen, über die mensch nicht schreiben konnte, ohne sie nicht umgehend erneut zu idealisieren; Und das war wirklich das letzte, was der Brillenträger in diesem Augenblick wollte. Denn dass die Realität das eigentliche Phantasien ist, der einzige Ort an dem Träume wirklich Wirklichkeit werden, die idealste aller Welten, das hatte er bereits gestern erlebt: Einhörner gibt es wirklich. Sogar mehr als ein letztes. Sie haben große, strahlende Augen. Sie sind scheu, aber mutig. Sie sind neugierig, aber vorsichtig. Sie sind mitfühlend. Sie fühlen alles. Sie sind gutmütig. Sie sind klug, sie lernen. Und sie lieben, wenn sie einmal lieben, ganz. Mitunter sitzen Einhörner aber auch einfach zusammen an einem großen Tisch, an einem Freitag Abend im Juli, und spielen gemeinsam ein Spiel, das sie noch nicht kennen. Zukunft wird aus Mut gemacht.

Als die Glocken der Marktkirche den neuen Tag, Samstag, 4. Juli, eingeläutet hatten, beendete der Brillenträger seinen Szenenentwurf für eine Serienepisode, die niemals gedreht werden würde, die nur in seinem Kopf existierte und dort ihre ganz eigene Wirklichkeit fand:
Holly und Mrs. Wheeler sitzen gemeinsam an dem großen Tisch in dem Keller, in dem sonst Mike und die Party ihre Abenteuer bestritten hatten. Auf einem aufgeklappten Notebook läuft leise ein Video vom gestrigen Konzert im Finsbury Park in London (Vecna-Darsteller Jamie Campbell Bower singt mit Biffy Clyro „Machines“). Sie sind vertieft in eines dieser innigen Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Über das Abenteuer, das Holly gerade für ihre eigene Party plant. Über die anderen Wheelers und wie es denen gerade geht. Über ihre Pläne für die Sommerferien. Über das Buch, das sie jetzt abends immer lesen. Das mit den langen Sätzen und den vielen neuen Wörtern. Das mit dem Zauberer, mit der Hexe, dem König, dem Prinzen. Das mit dem brennenden Stier; und wie man den besiegt. Immer und immer wieder: Zusammen.

 

„Turn around!
Look at what you see!
In her face
the mirror of your dreams.
Make believe I’m everywhere,
given in the light,
written on the pages
is the answer
to a neverending story.“

(Limahl. 1984)